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Chris Cacavas: Anonymous - Kritikerstimmen

Seine Band mag er verloren haben, nicht aber seine Gabe, Emotionen in wunderschöne Songs zu verpacken. Als Mitglied von Green On Red gehörte er zu den Erfindern des amerikanischen Wüstenrock, heute hat er eine treue Fangemeinde (Kenner und Vinyl-Junkies aufgepaßt: diese Vinyl-Pressung ist auf 1.000 limitiert), die überall ist, wohin Chris Cacavas kommt. Solo und "anonymous" nimmt er seine unbändige Spielwut an die Leine; unterstützt von weiteren Grö;ßen des Wüstenrock - Rich Gilbert, Mikey Borens und der allgegenwärtigen Cellistin Jane Scarpantoni -, zaubert Cacavas ein herrlich entspanntes, stilles Ambiente, in dem sich die traurig-ironischen Texte voll entfalten können. Sie zeigen einen Outsider, der stolz auf seine Ratlosigkeit ist, einen Menschen, der nie zur Ruhe kommen möchte. Wirklich - es lohnt sich noch immer, ihm zu folgen.
Carsten Wohlfeld, Intro Nr. 48, Oktober 1997, S. 53.

Folk'n'Roll

Lieber Leser, solltest du deine alljährliche Folk'n'Roll-Platte noch nicht gekauft haben, hör auf zu suchen und nimm diese hier - du brauchst keine andere mehr. Mit Hilfe von Gästen wie Steve Wynn (als Co-Produzent) und Jane Scarpantoni (unvermeidlich, wenn es darum geht, auf einer Platte dieser Größen- und Genre-Ordnung ein Cello erklingen zu lassen) ist Chris Cacavas das herrliche, gewitterwolkerverhangene Sommeralbum gelungen, auf das wir bis jetzt so sehnsüchtig gewartet haben. 'Anonymous' ist das fünfte Album des Green On Red-Günders seit dem Ausstieg bei der stilprägenden Psych-Country-Combo im Jahr 1992 und sein erstes ohen seine Band The Junkyard Love. Folglich geht's hier ein paar Dezibel ruhiger zu als noch auf 'New Improved Pain' oder dem '94er Meisterwerk 'Pale Blond Hell'. Was aber nichts an der Intensität/Heavyness seiner Songs ändert. Hier gibt's Chris Cacavas, pur - mit seiner hohen, leicht klagenden, aber nie verzweifelt klingenden Stimme und Texten voller wüstentrockener Ironie, wunderschöne Balladen ("Sullen"), holpernden Psych'n'Country-Rock ("Anonymous", "You Gonna Pay"), bei dem (jeder) Neil Young(-Fan) feuchte Augen bekommen sollte, ausgetickte Gitarrensoli und einfache, aber packende Melodien. Was will man mehr von einem Singer/Songwriter? (5 von 6 möglichen Sternen)
Albert Koch, Musikexpress/Sounds, August 1997, S. 50.

Anonymer Workaholic

Stilles Songwriting auf höchstem Niveau. Doch Chris Cacavas ist kein Star.
Der verblüffte Applaus überrumpelter Kritiker war ihm schon immer sicher - ob für den psychedelischen Folkrock von Green On Red oder seine Rollen als Gastmusiker für Steve Wynn oder Giant Sand. Von "Anonymous", Cacavas' erstem Soloalbum seit acht Jahren, dürfte eigentlich niemand mehr überrascht sein. Und doch hat der Wahlkalifornier diesmal ein paar Gänge heruntergeschaltet, um seinen bedächtig swingenden Melodien mehr Platz einzuräumen, eine fein graduierte Dramaturgie zu etablieren. Bestes Beispiel dafür ist wohl das epische "Anonymous", das Cacavaszur ME/Sounds CD beisteuerte: Die Flut brandender Crazy-Horse-Gitarren ist verebbt, und nun liegen die zarten Songstrukturen wie angeschwemmte Seesterne auf dem weißen Strand. "Natürlich habe ich mein Konzept nicht radikal geändert," betont Cacavas, aber: "Es war verblüffend, wie intuitiv und kreativ diese Aufnahmen zustande kamen" Was sich in jedem der 13 Songs entfaltet, ist schlichtweg zeitlose Qualität.
Musikexpress/Sounds, August 1997, S. 21.

Kennen Sie den?

Legt der eine ein Tape ein, sagt der andere, als die ersten Akustik-Gitarren-Akkorde aus den Lautsprechern kriechen: "Klingt ja wie Neil Young." Antwortet der, der das Tape eingelegt hatte: "Is' aber nur Chris Cacavas."
Häme beiseite. Chris Cacavas hat sie nicht verdient, weil er längst über dem unvermeidlichen Vergleich steht. Dennoch plagt ihn die eigene Identität im schleppenden Titelsong wie einen Anti-Helden in einem alten Film noir. "I see myself in a mirror or two, I stare and stare without a clue." Und dann: "My only claim to fame is, I don't know my name." Koketterie? Echter Leidensdruck? Der vielbeschworene Tod des Autors? Vorsicht! Hatte er nicht gerade zuvor, im sanft einlullenden "Sullen", noch gesungen: "The more you know me, the more I'm joking"? Und das bißchen Stolz ist über quälendem Zweifel auch nicht gleich verschütt gegangen. "Do Me No Favors", please, bittet Cacavas inständig. Und das immerhin, nachdem er sich kurz zuvor noch im Gefühlshaushalt einer Fliege wähnte. Wenn die Patsche kommt.
Jedenfalls suchte der frühere Green On Red-Mann für "Anonymous", sein fünftes Album, noch einmal nach Veränderung. Im Rahmen seiner Möglichkeiten, versteht sich: kein Drum'n'Bass, kein Metal, kein Ambient. Aber immerhin: Die bewährte Band, Junkyard Love, wurde in den Ruhestand versetzt, statt dessen produzierte er gemeinsam mit dem alten Freund Steve Wynn und ausgewähltem Studiopersonal, darunter Cellistin Jane Scarpantoni (Richard Barone und Lounge Lizards) und - als "Psycho Sisters" firmierend - Vicky Peterson und Susan Cowsill, sonst bei den Continental Drifters beschäftigt. Das Ergebnis schöpft seine Kraft meist aus der Ruhe, zelebriert die Konzentration aufs Wesentliche in vorwiegend mittelschneller Gangart.
Kein Zufall, daß ein Song im Titel das Wörtchen "Mantra" bemüht. Selbst da, wo sich die Gelegenheit böte, selbst über die Stränge zu schlagen, hält Cacavas den Druck eher halbakustisch unterm Deckel, statt ihn dampfend und zischend entwichen zu lassen. So erkämpft er sich dann beharrlich doch noch ein paar neue, kleine - vielleicht halt auch nur wiedergewonnene Freiheiten.
Jörg Feyer, Rolling Stone, September 1997, S. 104.

Wasteland

(...) Einen schweren Stand dagegen und derzeit überhaupt hat das Singer-Songwriter-Genre. Zwar ist der qualitative Standard nach wie vor in Ordnung - siehe die aktuellen Veröffentlichungen von Chris Cacavas ("Anonymous", Normal/Indigo) oder Ex-Courage-Brothers-Mann Todd Thibaud ("Favorite Waste of Time", Blue Rose/RTD) - doch ist eben dieser Standard zwischen wohltemperierten Balladen und straighten Kneipen-Rockern mittlerweile ein allzu bekannter. Hier gilt es weniger denn je, die Frage nach möglichen Innovations-Potentialen zu diskutieren, als eine Antwort darauf zu finden, wie man in Würde alt werden kann. Bei Cacavas und Thibaud scheint dies größtenteils gelungen - traurige Gegenbeispiele gibt es zur genüge. (...)
Andreas Schiegl, SPEX, September 1997.

Die großen Zeiten

von Green On Red sind zehn Jahre her. Auch nach dem Aus der Folkrocker blieb Chris Cacavas Kritik- und Publikumsliebling. Mit seiner neuen Band Junkyard Love sorgte er live wie auf Platte dafür, daß zwischen den Polen Country und hartem R&B stets Hochspannung anlag.
Der so kokett anonymisierte Künstler - im Booklet mit Riesenkaktus statt des Kopfes - setzt diesmal auf Intimität statt auf Randale. Chris erinnert mal an Petty, mal an Young, und zart zerrt die Gitarre.
VIVA-Videotext, 24. August 1997.

"Anonymous" prangt auf der CD-Box,

daneben steht in Lautschrift die korrekte Aussprache von "Cacavas". Die für Cacavas typische Mischung aus sympathischem Understatement und gesundem Selbstbewußtsein blitzt hier auf. Und sie prägt auch die grandiosen Songs der CD.
Das reichhaltige Vokabular des US-Folk-und-Country-Rocks handhabt Cacavas mit souveräner Leichtigkeit, gibt der abgegrabbelten Kritiker-Worthülse "zeitlos schöne Songs" neuen Inhalt. Der Querverweis zu Neil Young ist schnell gezogen - doch wo Young in dunkle Jammertäler versinkt, hält uns Cacavas lächelnd entgegen: "Das sind doch alles nur Songs". Ja, und zwar wunderbare!
kjo, ARD/ZDF-Videotext, 30. August 1997.


last update : 11 November 1997